Kathrin Weßling – Nix passiert

„Super, und dir?“ ein anderes Buch von Kathrin Weßling hat mich vor ein paar Jahren in einer schwierigen Phase meines Lebens wachgerüttelt. Dafür bin ich ihr immer noch unendlich dankbar. Ich möchte dir kurz davon erzählen, denn es zeigt in meinen Augen wie perfekt sie sich in bestimmte Lebenssituationen hineinschreiben kann. Ganz egal ob Depression, Leistungsgesellschaft oder Angst.

Ich hatte gerade mit meinem ersten richtigen Job nach dem Studium begonnen. Es vergingen drei Monate und ich drohte unter der Last meiner eigenen zu hohen Erwartungen zusammenzubrechen. Ich wollte alles. Ich wollte, dass es perfekt war. Ich wollte, dass es ich am besten schon seit vorgestern perfekt abliefern konnte. Das zehrte an meinen Nerven. Ich schlief kaum mehr, weil ich mir so viele Gedanken machte. War ich eine Betrügerin? Konnte ich das wirklich? Was, wenn ich mir nur eingebildet hatte, dass ich darin gut sein könnte? Bestimmt würden meine vorgesetzten bald merken, dass ich nichts konnte und mich rauswerfen. Dieses Gehirn ist eine Meisterin darin jedes Szenario bis zum schlimmsten möglichen katastrophalen Ausgang zu durchdenken. „Super, und dir?“ hat mich in genau dieser Situation abgeholt, wachgerüttelt und für mich einen Prozess angestoßen ohne den ich jetzt nicht das Leben führen könnte, dass ich lebe. Manchmal liege ich Nachts wieder wach und zerpflücke diese oder jene Situation. Das ist Teil meines Charakters. Wichtig ist, dass ich einen gesunden Weg gefunden habe damit und meiner Arbeit durchzugehen. Danke Kathrin!

In Ihrem aktuellen Buch widmet sich Kathrin Weßling den Themen Liebeskummer, Heimat und einigen großen Fragen unserer mitunter verkorksten Generation.

Es ist die Glückseligkeit der Gleichgültigkeit eines Moments, in dem man nichts denken muss.

Ein Stück Klappentext.

Alex ist verlassen worden. Und ohne Jenny ist Berlin einfach nichts. Kurzentschlossen nimmt Alex sich eine Auszeit im Kaff seiner Kindheit. Doch statt Erholung sieht er sich mit einer Idylle konfrontiert, die keine ist, nie wirklich eine war – auf jeden Fall nicht für ihn. Statt Unterstützung gibt es Familienstreit, offene Rechnungen mit alten Freunden und vor allem Langeweile. Und Alex fragt sich, ob er die Kleinstadt eigentlich jemals hinter sich gelassen hat. Und was überhaupt Zuhause bedeutet.

Intensiv und unerschrocken, klar und kompromisslos erzählt Kathrin Weßling die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht nur alle anderen, sondern vor allem sich selbst belogen und betrogen hat – das Abbild einer Generation auf der Suche nach allem und nichts, nach Heimat zwischen Provinz und Großstadt, vor allem aber nach sich selbst. 

Es gibt keine richtige Lösung, weil Liebeskummer ein Problem ist, dass sich selber löst, eine Gleichung, die man einfach in Ruhe lässt und eines Tages schaut man wieder hin und sieht, dass die Aufgabe verschwunden ist und das Ergebnis ist man selber, so einfach ist das, so banal, so schwer zu ertragen, dass man da wirklich nicht viel machen kann.

Was macht dieses Buch mit mir?

Ich lese alles von Kathrin Weßling ohne Vorbehalte. Sie schreibt gerade heraus, dass es manchmal weh tut. Gleichzeitig zeichnen sich ihre Texte in meinen Augen durch viel sprachliches Feingefühl aus. Ich liebe die Bilder, die sie mit Worten malt.

Aber hatte ich Lust ein Buch über Liebeskummer zu lesen? Nicht wirklich. Umso besser, dass Nix passiert kein Buch über Liebeskummer ist, sonder vielmehr über einen Kerl, der Liebeskummer hat und durch die Entscheidungen, die er deshalb trifft, mit Ängsten konfrontiert wird.

Und so setzt sich mit jeder Konfrontation und jedem Gespräch das Bild des Protagonisten zusammen, der mit seiner Familie, seinen Freunden, seiner Heimatstadt, seiner gerade beendeten Beziehung, seiner Arbeit und vor allem sich selbst hadert. Antworten findet er in sich selbst. In seiner Vergangenheit. In den Lügen, die er sich so oft erzählt hat, dass er anfing daran zu glauben.

Ich kenne die Panik, sie ist wie eine strenge Mutter, die mich zur Achtsamkeit ermahnt. Sie hat keine Geduld, sie ist erbarmungslos. Sie schaut sich alles nur eine kurze Weile an und schlägt dann zu. Sie ist laut, sie ist brutal, sie kennt kein Pardon. Sie fragt nicht lange, sie sagt einfach nur an.

Dieser Satz über Panik. Über Angst. Wie genial! Niemals wäre mir dieses Bild eingefallen. So unglaublich klug. Sie bringt das auf den Punkt. Sowas von konkret. Ich kann spüren wie sie unter der Oberfläche lauert. Kann sie als Person gewordene Emotion vor mir sehen. Ich kenne meine Angst. Sie ist ein Teil von mir. Ich glaube es ist wichtig, dass mehr Personen lernen, dass es sie gibt. Wie sie aussehen kann. Dass sie Teil von so vielen Menschen ist.

Sehnsüchtig habe ich dieses Buch erwartet. Der Anfang hat meiner Vorfreude einen klitzekleinen Dämpfer verpasst. Und dann ging es rund. Emotional. Sprachlich. Das volle Programm. Hat mir grandios gut gefallen.

Ganz große Empfehlung!

Danke auch an ullstein Buchverlage für das zur Verfügung stellen eines Rezensionsexemplars.

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