Schutzzone – Nora Bossong

erschienen bei Suhrkamp

Grundsätzlich ziehe ich gebundene Bücher vorgelesenen vor. Nebenher höre ich aber auch super gerne Hörbücher. Hauptsächlich unterhaltsame Sachen mit nicht ganz so viel Tiefgang. Schutzzone hatte ich schon eine kleine Weile im Blick. Dann sah ich das Hörbuch in der Vorschau und dachte ich hör mal rein. Es hat nicht lange gedauert bis ich bemerkte, dass ich dieses Buch lieber in der Hand halten möchte. Die Worte und Sätze vor mir sehen möchte. Sprachliche Spitzfindigkeiten markieren möchte. Und so habe ich von Hörbuch zum gedruckten Buch gewechselt und hab mich dort sehr wohlgefühlt.

… ,man bildet sich die Hälfte seines Lebens ein, und die andere Hälfte geschieht, ohne dass man sie wirklich wahrnimmt.

Ein Stück Klappentext.

Nach Stationen bei der UN in New York und Burundi arbeitet Mira für das Büro der Vereinten Nationen in Genf. Während sie tagsüber Berichte über Krisenregionen und Friedensmaßnahmen schreibt, eilt sie abends durch die Gänge der Luxushotels, um zwischen verfeindeten Staatsvertretern zu vermitteln. Bei einem Empfang begegnet sie Milan wieder, in dessen Familie sie nach der Trennung ihrer Eltern im Frühjahr 94 einige Monate gelebt hat. Die Erinnerungen an diese Zeit, aber auch Milans unentschiedene Haltung zwischen gesuchter Nähe und schroffer Zurückweisung überrumpeln und faszinieren sie zugleich. Als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi hinterfragt wird, gerät auch Miras Souveränität ins Wanken, ihr Glaube, sie könne von außen eingreifen, ohne selbst schuldig zu werden.

… und Frieden ist nur das Wort für den Moment in dem nichts mehr zu verhandeln ist, wer will den schon …

Was bedeuten Vertrauen und Verantwortung? Wie greifen Schutz und Herrschaft ineinander? Wie verhält sich Zeugenschaft zur Wahrheit? Und wer sitzt darüber zu Gericht? Hellsichtig und teilnahmsvoll geht Nora Bossong in ihrem virtuosen Roman diesen Fragen nach – in privaten Beziehungen wie auf der großen politischen Bühne – und setzt den Konflikten der Vergangenheit die Hoffnung auf Versöhnung gegenüber.

Was macht dieses Buch mit mir?

Erinnerst du dich noch an Die Hauptstadt von Robert Menasse? Ich schon. Die EU. Brüssel. Ein Schwein. Es war für mich naheliegend an dieses Buch zurückzudenken, als ich zum ersten Mal von Nora Bossongs Buch las. Über die EU weiß ich ein bisschen was, die Vereinten Nationen sind für mich im Vergleich das größere Rätsel. Die Hauptstadt hat bei mir unheimlich viele Fragezeichen hinterlassen, während Schutzzone für mich einige Fragen beantworten konnte. Fragen, die ich bislang nicht gestellt hatte.

Dieses Buch ist in erster Linie aus politischer Sicht interessant. Es schafft Bewusstsein für die Vereinten Nationen, eine Organisation, die für mich allenfalls interessant ist, wenn sie in den Nachrichten vorkommt. Mit der Protagonistin Mira bekommt diese gesichtslose Organisation ein Gesicht, ein Gefühl, ein Leben.

Mira ist mir als Person sehr nah. Im ersten Moment wirkt sie auf mich wahnsinnig souverän. Ihr Leben spielt sich zwischen Sitzungssälen und Luxushotels auf der politischen Weltbühne ab. Nach außen hin stark. Das kriege ich meistens auch hin. Umso weniger überrascht es mich, dass das Bild relativ von der unabhängigen, starken und souveränen Mira relativ schnell zu bröckeln anfängt. Nämlich genau dann, als sie mit Ihrer Vergangenheit konfrontiert wird.

… und manchmal, nur manchmal, überkommt mich die Angst, das falsche Leben zu leben, als würde es das richtige irgendwo geben, aber man berührt immer nur den Ersatz, die Fälschung, das Beinah …

Sie stellt sich großen Fragen. Im Privaten und im Politischen. Nora Bossong verpackt das ganze sprachlich wahnsinnig schön. Und hier gehen die Meinungen auseinander. Wird es sprachlich zu komplex? Hindert es das Leseerlebnis? Für mich nicht. Ich kann verstehen, warum sich Menschen mit der Sprache und den langen Sätzen vielleicht schwer tun. Ich nicht. Die Autorin trifft genau meinen Geschmack. Komplexität und Eloquenz treffen genau meinen Geschmack. Ich fühle mich in meiner Gedankenwelt sehr abgeholt.

Manchmal ist einem alles zu dicht, dabei ist es unsagbar weit entfernt.

Mein Fazit: Die Meinungen zu diesem Buch sind gespalten. Das versteh ich auch. Wenn du dich auf die Sprache einlassen kannst, dann wird dir dieses Buch einen klareren Blick auf die Vereinten Nationen schenken.

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