Kathrin Weßling – Drüberleben

Ich hatte Angst vor den Menschen, die sich um mich drängten, und ich hatte noch mehr Angst vor der Vorstellung, dass irgendwer bemerken könnte, dass ich Angst vor der Vorstellung hatte, dass jemand bemerken könnte, dass ich furchtbare Angst hatte.

Drüberleben – Kathrin Weßling

Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war vor etwa zwei Jahren in Leipzig. Ich lies mich relativ planlos von einer Lesung zur nächsten treiben. Verweilte hier etwas länger als dort und landete schließlich bei einer Lesung von Kathrin Weßling, die aus „Super, und dir las“ Um eine lange Geschichte kurz zu machen: die Worte flossen nur so in mich hinein und die Tränen aus mir heraus. Ein Buch, dass mit emotionaler Wucht mein Herz traf. Selbstoptimierung. Check. Leistungsdruck. Check. Kurz vor dem Zusammenbruch. Check. Zu sagen, dass mich dieses Buch aufgewühlt hat, ist eine bloße Untertreibung.

Wenn mir Bücher von AutorInnen gefallen, hoffe ich immer, dass es nicht das erste Buch von ihnen ist. Ich liebe es mich rückwärts oder durcheinander durch die verschiedensten Bücher einer lieb gewonnenen AutorIn zu lesen. So auch nun – etwas zeitversetzt – Drüberleben.

Der Klappentext

Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein!

Ida steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, mit einem Zettel, auf dem ihr Name und der Grund für ihren Aufenthalt genannt sind. F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. »Drüberleben« erzählt von den Tagen nach diesem Tag, von den Nächten, in denen die Monster im Kopf und unter dem Bett wüten, den Momenten, in denen jeder Gedanke ein neuer Einschlag im Krisengebiet ist. Es erzählt von Gruppen, die merkwürdige Namen tragen, von Kaffee in ungesund großen Mengen, von Rückschlägen und kleinen Fortschritten, von Mitpatienten und von Therapeuten. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich zehn Wochen in eine Klinik begibt und dort lernt zu kämpfen. Gegen die Angst und gegen das Tiefdruckgebiet im Kopf.

Im Grund genommen gab es zahlreiche Momente und Augenblicke, die so schnell wie ein Kamerablitz passierten und die nichts hätten verändern müssen und die trotzdem alles geändert haben.

Drüberleben – Kathrin Weßling

Gut. Eine Geschichte über Depression also. Wie weit sind wir eigentlich damit, dass psychische Krankheiten endlich nimmt mehr stigmatisiert werden? Nicht besonders weit. Das ist mein Empfinden, wenn ich mich mit Freunden unterhalte. Die Kluft ist dunkel und tief zwischen den Menschen, die bereit sind offen mit ihrer Psyche und deren Zustand umzugehen und denen die laut schreien: „Über sowas spricht man doch nicht!“

Ich lerne zwischen den Seiten dieses Buches Ida kennen. Ida die offensichtlich gefallen ist. Sich selbst als menschlichen Verkehrsunfall begreift. Ich begleite Ida in die Klinik. Es ist nur der scheinbar nächste von gefühlt endlos vielen Aufenthalten dieser Art, die bisher für Ida nur Pflaster waren. Nie den gehofften Durchbruch erzielten. Oder wenn doch, nicht lang genug festhalten konnten. Ich folge Ida also in die Klinik. In das Geflecht aus Fallstricken zwischen medizinischem Personal, Patienten und den Ungeheuern, die jeder unabhängig von seiner Rolle in der Klinik mit sich herum trägt.

Was das mit mir macht? Ida und der Text entwickeln für mich sehr schnell einen starken Sog. Ich bin fasziniert von dem wie sie ist. Von dem, das sie möchte, dass andere Menschen sehen. Von dem, das sie versteckt und verbirgt, so lange bis sie es selbst fast vergessen hat. Vielschichtig. Widersprüchlich. Unglaublich sympathisch in den emotionalen Ausbrüchen, die sich mit einer Wucht ihren Weg bahnen. Ich erkenne in Ida Facetten von mir wieder. Das ist gut fürs Leseerlebnis, aber es tut auch weh. Ich fühle. Ungefiltert. Ich lege meinen Gefühlen Filter nur zu gerne Filter auf. Verdränge, dass sie da sind. Texte, Geschichten wie diese heben den Filter auf. Dazu kommen wunderschön gewählte Worte, die sich in Ihrer Kombination tief in mein Herz einbrennen.

Jedes Mal bin ich erschrocken ob der Unveränderlichkeit mancher Dinge in alle den Veränderungen um sie herum

Drüberleben – Kathrin Weßling

Ob es sich lohnt? Klar!

Off Topic: Während ich gerade an diesem Text schreibe läuft im Hintergrund Musik von Billie Eilish. Ich verliebe mich gerade in ihre Musik und ganz allein Sophie Passmann ist dafür verantwortlich. Danke dafür!

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