Gelesen | Die Hochhausspringerin – Julia von Lucadou

Willkommen in der Zukunft. Nicht in DER Zukunft, sondern in einer möglichen Zukunft. In einer Zukunft in der die Gesellschaft das Phänomen Leistungsgesellschaft auf die Spitze getrieben hat.

Und ich möchte ehrlich mit dir sein: das hat mich sehr getroffen. Denn so sehr mein Kopf weiß, dass es Menschen gibt, die mich lieben egal was ich leiste, so ist da etwas in mir das sagt: „Komm schon Maren, da geht noch was. Wie? Das war alles? Ich hätte mir mehr von dir erhofft! Hast du wirklich dein Besten gegeben? Denkst du, dass irgendjemand bei dieser Leistung auf dich Stolz sein könnte?“

 Willkommen in der Zukunft von Riva und Hitomi.

Riva ist Hochhausspringerin – ein perfekt funktionierender Mensch mit Millionen Fans. Doch plötzlich weigert sie sich zu trainieren. Kameras sind allgegenwärtig in ihrer Welt, aber sie weiß nicht, dass sie gezielt beobachtet wird: Hitomi, eine andere junge Frau, soll Riva wieder gefügig machen. Wenn sie ihren Auftrag nicht erfüllt, droht die Ausweisung in die Peripherien, wo die Menschen im Schmutz leben, ohne Möglichkeit, der Gesellschaft zu dienen.

Was macht den Menschen menschlich, wenn er perfekt funktioniert? „Die Hochhausspringerin“ führt in eine brillante neue Welt, die so plausibel ist wie bitterkalt. Julia von Lucadou erzählt von ihr mit der Meisterschaft der großen Erzählungen über unsere Zukunft.

Klappentext

Julia von Lucadou stellt mir zwei junge Frauen vor. Wahrscheinlich etwa gleich alt, aber ihre Leistungen haben die beiden hineingeführt in zwei vollkommen unterschiedliche Leben. Die eine führt das nach außen hin perfekte Leben einer Spitzensportlerin und die andere hat einen soliden Job als Psychologin. Zwei Leben, die nicht gerade dazu bestimmt sind, dass sie sich berühren. Und doch entsteht eine Verbindung, wenn auch nur aus Hitomis Seite, die Riva beobachtet, als diese von heute auf morgen ihre Karriere beendet und damit vertragsbrüchig wird. Hitomi versucht Riva zurück auf Kurs zu bringen; von diesem Auftrag hängt ihr sozialer Stand ab, denn sollte sie den Auftrag nicht erfolgreich beenden, droht ihr der soziale Absturz. Verlust ihrer Wohnraumprivilegien. Verlust ihres Credit Scores. Verlust all dessen, was sie sich  so hart erarbeitet hat. Ein schlechter Tag ist keine Option. Leistung, Gesundheitswerte, Entspannung … und so weiter und so weiter. Alles wird gemessen. Alles wird beobachtet. Alles wird beurteilt.

Perfektionismus ist kein Kompliment.

Keiner will das zugeben, aber es stimmt.

Was zählt ist Kreation.

Seite 156

Für Hitomi steht alles auf dem Spiel. Ihre Gedanken diesbezüglich sind sehr klar. Sie möchte nicht versagen und wünscht sich den Stolz ihrer Familie. Ein unmögliches Unterfangen, denn ihr Vater hat sich schon früh von ihr abgewendet und der letzte Kontakt zu ihrer Mutter ist auch schon lange her.

Familie hat in dieser Gesellschaft keinen Stellenwert mehr und das erfahren sowohl Hitomi als auch Riva am eigenen Leib. Wie sie damit umgehen, ist völlig unterschiedlich. Eine von beiden wird aus der Gesellschaft gedrängt, weil sie dem Druck nicht mehr standhält; die andere entscheidet sich bewusst auszusteigen und einen Weg außerhalb der konventionellen Erwartungen der Gesellschaft in der sie lebt zu gehen.

Als Leser erlebte ich Hitomis Schicksal aus der Nähe und das von Riva aus der Ferne. So wie Hitomi Riva beobachtet und Mutmaßungen über Rivas Beweggründe und ihr Handeln anstellt, so habe ich als Leser meine eigenen Mutmaßungen angestellt. Die Art und Weise wie diese Geschichte aufgebaut ist, lädt mich ein weiterzudenken und meine eigenen Beweggründe zu hinterfragen. Warum mache ich das? Möchte ich das wirklich oder tue ich es, weil es von mir erwartet wird?

Für mich ist das eine Geschichte, die mich persönlich sehr berührt hat. Schicksale, die mich zum Nachdenken anregen, denn Leistungsorientierung ist Teil meiner Persönlichkeit. Hin und wieder brauche ich Menschen oder Bücher, Schicksale oder Geschichten, die mich wachrütteln und mir neue Denkanstöße geben. Ich liebe Geschichten, die so in mir nachwirken.

Ein Kommentar zu „Gelesen | Die Hochhausspringerin – Julia von Lucadou

  1. Liebe Maren

    Das klingt wirklich nach einem tollen, kritischen und spannenden Buch und ich habe es mir bereits auf die Wunschliste gesetzt. Vielen Dank für den Tipp.

    Alles Liebe und wenn du diesen Kommentar lesen kannst, hat alles geklappt 🙂
    Livia

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