Gelesen | Asymmetrie – Lisa Halliday

Vorab ein paar Worte: Ja, es war mir ein Fest Asymmetrie von Lisa Halliday zu lesen. Ja, ich war aufgrund verschiedener Aspekte in der Beziehung zwischen Alice und Ezra Blazer mehr als angewidert. Und ja: ich bin immer noch etwas verwirrt, wie der zweite Teil ins Buch passt, aber allmählich erschließt sich mir meine eigene Interpretation dazu. Und nein: Ich habe beschlossen, dass ich die Genialität dieses Werkes nicht aufgrund der in Punkt zwei genannten Gegebenheiten in Frage zustellen. Das heißt in Kurzform und mit so wenig Informationen über den Verlauf der Geschichte, dass diese zum Nachdenken anregt. Und zwar darüber wo die Asymmetrie liegt. Wo liegt das Gefälle der Macht? Wenn du aufmerksam liest, wirst du dieses nicht nur an den offensichtlichen Stellen entdecken, sondern auch dort wo du es nicht ahnst.

Ich habe diese Geschichte mit gemischten Gefühlen gelesen. Dennoch empfehle ich dir dieses Buch zu lesen.

Mit offenen Augen und äußerst wachsam. Beobachte. Hinterfrage. Handle.

Ich warne dich an dieser Stelle vor, dass ich folgenden etwas näher auf den Aufbau und verschiedene Details aus dem Buch eingehen werden. Wenn du es allerdings mehr oder weniger vorbehaltlos lesen möchtest, empfehle ich dir ab hier nicht weiter zu lesen. Wenn du die Geschichte schon gelesen hast, les hier gerne weiter, denn ich würde mich liebend gerne mit dir darüber austauschen!

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Im ersten Teil geht es um die Beziehung zwischen der Ende zwanzig jährigen Alice und dem erheblich Älteren Schriftsteller Ezra Blazer (hier sei die autobiographische Verbindung zum Leben der Autorin Lisa Halliday aufgezeigt: sie hatte nämlich, als sie jünger war, eine Beziehung zu – dem inzwischen verstorbenen Autoren Philip Roth). Ich liebe die Art und Weise wie Details sprachlich beschrieben werden; die Beobachtungen sind grandios dargestellt. Allzu schnell entwickelt sich aber eine ungesunde Beziehungsdynamik. Es widert mich an, wie sich Alice von Ezra behandeln lässt. So passiv. So offensichtlich gewillt sich den Spielen dieses alten Mannes hinzugeben. Währenddessen bedient Ezra Blazer perfekt das Bild eines weißen, privilegierten, sexistischen alten Autors, der nie „diesen verdammten Nobelpreis gewonnen hat“. Ich finde es geradezu erniedrigend. Und dann frage ich mich, was sie in ihm sieht. Was er in ihr sieht. Und warum in aller Welt sie diese Sache nicht beendet, als er sie herumkommandiert. Warum sie dich Sache nicht beendet, als er quasi zum Pflegefall wird. Es widert mich an. Es macht mich wütend. Er macht mich wütend. Noch viel wütender bin ich aber auf Alice.

„Verlass mich nicht. Geh nicht. Ich wünsche mir eine Partnerin im Leben. Weißt du? Wir stehen gerade erst am Anfang. Niemand könnte dich so lieben wie ich. Entscheide dich hierfür. Entscheide dich für das Abenteuer Alice. Das ist das Abenteuer. Das ist das Abenteuer im negative Sinne. Das bedeutet leben.“

Ezra Blazer, Seite 145 (Verrücktheit)

Ich glaube das Machtgefälle zwischen Ezra und Alice verläuft nicht ganz so offensichtlich, wie ich über weite Teile der Geschichte dachte. Es verläuft nicht von Ezra zu Alice. Nicht von oben nach unten. Nicht von mächtig zu machtlos. Nicht von erfahren zu unerfahren. Nicht von erfolgreich zu nicht erfolgreich. Nicht von alt nach jung. Zumindest nicht gerade. Nicht so wie wir es offensichtlich erwarten. Nicht symmetrisch.

Und dann wechselt die Geschichte den Ort. Den Protagonisten. Den Fokus. Einfach alles. Es geht nicht mehr um Ezra und Alice. Amar Jaafari wird unter fadenscheinigen Gründen in am Flughafen Heathrow festgehalten. Man verweigert ihm die Einreise. Irgendetwas stimmt mit seinem Pass nicht. In Rückblenden erinnert sich Amar an seine Vergangenheit. Seine Familie. Politik in Amerika und im Irak. Menschen hier und dort. Sich aus Liebe für aufopfern. Sterben auf dem in die Arbeit. Beziehungen. Gewalt. Frieden. Musik. Politik. Ob mir die Geschichte von Alice und Ezra im Kontrast zu der von Amar und seiner Familie, deren Freunden vor dem Hintergrund des Irakkrieges banal erscheint? Ich weiß es nicht. Für den Zwischenteil dieses Buches, habe ich meine Wut bezüglich des ersten Teils der Geschichte in den Hintergrund gestellt. Und auch hier begegnen wir Asymmetrie in verschiedensten Beziehungen und Variationen. Da sind zum Beispiel die liebenden Eltern, die für Ihre Kinder nur das Beste wollen und dabei genau das Gegenteil erreichen. Da sind die Behörden, die einen Mann mit amerikanischen Pass aus fadenscheinigen Gründen nicht in Großbritannien einreisen lassen. Da sind  Geschwister, die so unterschiedlich sind. So unterschiedliche Wege gehen. Der eine geradlinig, während der andere den ein oder anderen Umweg geht. Und dann geht es natürlich um Politik. Irakische und amerikanische. Ob der Westen wirklich möchte, dass der Irak sich zu einem friedlichen und wohlhabenden Land entwickeln kann? Auch am Ende dieses Teils bleiben viele Fragen offen.

Unsere Vorstellungen vom Krieg waren der Krieg.

Will Mackin, „KATTEKOPPEN“

Ich werde noch lange über dieses Buch nachdenken. Schon nach dem zweiten Teil, fühle mich inspiriert und herausgefordert. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht annähernd die Verbindungen abgreifen kann, die Lisa Halliday zwischen den Geschichten gesponnen hat. Also bereits hier war mir klar, dass ich diese Geschichten nicht um letzten Mal gelesen haben würde.

Und dann folgte der dritte Teil im Buch – ein Interview mit Ezra Blazer über Musik. Sehr persönlich. Gespickt mit seiner Lieblingsmusik, die ja schon im ersten Teil des Buches phasenweise anklang. Vielleicht lese ich das Buch beim nächsten Mal mit der musikalischen Untermalung dieser Lieder. Das ist eine Überlegung wert. Hier erfuhr ich viel über den jungen Ezra Blazer. Bevor er der erfolgreiche Autor wurde. Seine Wurzeln. Frühere Beziehungen. Über das Leben das er gelebt hat, auch lange bevor er auf Alice traf. Und am Ende ist er dann doch wieder der weißt, privilegierte Widerling an den ich mich nur allzu gut aus dem ersten Teil des Buches erinnere.

Das sind viele Worte.

Ein großartiges Buch. Widersprüchlich. Aufwühlend. Asymmetrie.

Es war mir ein Fest!

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