Ein ganzes Leben – Robert Seethaler

Mir fällt es super schwer in Supermärkten an den Regalen mit Büchern vorbeizugehen anzufangen zu stöbern. Klar, die Auswahl ist super begrenzt und es ist bei Weitem nicht so schön wie in die Buchhandlung, aber hin und steht da ein Buch, um das ich schon eine ganze Weile herumschleiche ohne es zu kaufen. Ich will ehrlich mit dir sein: Im Supermarkt ist die Hemmschwelle ein Buch mitzunehmen in diesem Fall ziemlich gering. Und so wanderte „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler in meinen Einkaufswagen und auf den Stapel mit Büchern, die noch gelesen werden möchten. Und da lag/stand es dann eine ganze Weile. Um präzise zu sein: etwa ein halbes Jahr.

Dann kam der Augenblick diese Geschichte zu lesen. Leseentscheidungen erfolgen bei mir meist recht undurchsichtig. Entweder ich lege gedanklich eine ellenlange Liste mit Kriterien an, die meine nächste Lektüre erfüllen sollte. Genre. Autor oder Autorin. Dick oder dünn. Hardcover oder Softcover. Emotionale Verbundenheit. Spannend oder Romantisch. Zeitgenössisch oder Historisch. Oder ich entscheide spontan nach Bauchgefühl. Letzteres passiert eher selten und ist meist das Ergebnis der vorangegangenen Überlegungen zu einem früheren Zeitpunkt.

Zu „Ein ganzes Leben“ griff ich vor ein paar Tagen relativ spontan. Es ist dünn. Mein erste Geschichte von Robert Seethaler. Vielen von euch hat es gefallen. Ich möchte jetzt auch mal mitreden. Ist der Autor wirklich ein so großartiger Erzähler? Das sind ja Aussagen von denen ich mir früher oder später immer selbst ein Bild machen möchte. Das dauert manchmal länger. Ist aber für mich nicht mehr schlimm, denn was meine Leseverhalten betrifft werde ich immer entspannter und lasse mich mehr davon leiten, was ich möchte, als davon was ich wollen müsste. Dann ist Lesen ganz Leidenschaft. Ohne Anspannung und ohne Druck.

Ein Dorf in den Alpen, ein Alltag voller Entbehrungen, das Staunen über die Momente des Glücks – die Geschichte eines Lebens.

(Auszug aus dem Klappentext)

Du kannst die Geschichte des Lebens von Andreas Egger lesen, der Anfang des zwanzigsten Jahrhundert geboren wird. Du kannst lesen wie er aufwächst, wie ihn erste Schicksalsschläge ereilen, wie er sich zum ersten Mal verliebt, wie er Arbeit findet, wie er zum Militär geht. Diese Geschichte erzählt das Leben von Andreas Egger und so kannst du dieses Buch auch lesen. Kannst du. Musst du aber nicht.

Ich lese eine Geschichte von einem Mann, der nur selten die richtigen Worte zu finden vermag für das was um ihn herum geschieht. Ich lese eine Geschichte von Überwältigung angesichts der Schönheit von der wir auf dieser Erde umgeben sind. Ich lese Staunen. Ich lese Augenblicke des Glücks. Ich lese ein Leben. Nicht mein Leben. Dennoch gespickt mit so vielen wunderschönen Wahrheiten über das Leben. Ich fühle mich aus der Zeit gefallen. Wünsche mir, dass ich mich besinnen kann auf die Dinge, die ein Leben wunderbar machen. Wünsche mich diese Augenblicke zu erkennen und zu würdigen. Dankbarkeit. Zurückblicken ohne Bedauern. Ein Lächeln auf dem Gesicht.

Doch auf die Zeit dazwischen, auf seine Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen.

aus Ein ganzes Leben von Robert Seethaler (Seite 176)

Es ist in meinem Augen nicht DIE überwältigende Geschichte. Aber während in diese Geschichte eintauchte, trafen mich die Botschaft, die sie für mich transportiert mit einer gewaltigen Wucht. Eine Geschichte wie diese, mit Wahrheiten gespickt, die über Jahrhunderte bestand haben, weil sie den Kern dessen treffen, was wir leben nennen.

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