Gelesen | Super, und dir? – Kathrin Weßling

Über dieses Buch bin ich gestolpert, also eigentlich bin ich  in eine Lesung gestolpert oder saß da schon und bin dann geblieben. Das liebe ich, denn es war eines meiner schönsten Erlebnisse auf der Leipziger Buchmesse. Da saß ich also noch von der vorherigen Lesung, meine Füße schmerzten und ich wollte nicht so richtig irgendwo hinlaufen, also blieb ich dort. Und dann laß Kathrin Weßling dort wo ich war aus ihrem Buch, dass bald erscheinen würde.

Marlene Beckmann ist jung, hat Marketing studiert und hat augenscheinlich den perfekten Job für den Anfang ihrer Karriere. Sie hat eine romantische Beziehung und Freunde und alles scheint gut zu laufen. Das Leben meint es gut mit ihr, also warum sollte sie sich beschweren? Warum sollte es ihr nicht gut gehen? Warum sollte sie dem Druck nicht gewachsen sein? Die Wahrheit ist, dass weder Marlene noch jeder Einzelne von uns in der Lage ist dem Druck den wir uns oft selbst auferlegen oder der uns von er Gesellschaft auferlegt wird alleine standzuhalten. Warum zerbrechen manche daran und warum andere nicht?

Mehr als alles andere fühlte ich mit der Protagonistin mit und es schmerzte mich zu tiefst zu sehen, wie Marlene Beckmann von niemanden bei dem sie Hilfe suchte ernst genommen wurde. Nicht einmal der Arzt den sie aufsuchte, als sie in Drogensucht abgerutscht war, um leistungsfähig zu bleiben, nahm sie ernst. Was sagt das über den Umgang der Gesellschaft mit diesem ernsten Thema aus?

Diese Texte lösten etwas in mir aus und ich konnte es lange nicht benennen, auch jetzt fällt es mir schwer in Worte zu fassen, was dieses Buch in mir auslöst. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich es durchgelesen, musste beim Lesen mehr als ein Mal intensiv schlucken und mehr als eine Träne wegwischen. Liegt das daran, dass ich mich zumindest in Teilen mit der Protagonistin identifizieren kann? BWL-Absolventin, Job in der feien Wirtschaft, Mitte zwanzig, immer auf der Suche nach der nächsten Anerkennung, dem nächsten Erfolg. Und in jedem Moment bin ich diejenige, die mich unter Druck setzt, die mehr möchte und zwar am liebsten gestern. Geduld – was ist das? Kathrin Weßling zeigt in ihrem Buch wohin dieser Druck so viele junge Menschen meiner Generation geführt hat und vielleicht führen wird. Ich will nicht, dass es soweit kommt und dieses Buch hat mich möglicherweise mehr als wachgerüttelt.

Ich will nicht länger auf die Frage, wie es mir geht, unehrlich antworten. Ich möchte ehrlich kommunizieren was ich fühle und wie es mir geht. Ich will andere nicht täuschen und am wenigsten möchte ich mich selbst täuschen. Ich habe keine Lust mehr vorzugeben, dass immer alles gut sei oder in besonders stressigen Zeiten, wenn ich das Gefühl habe zu zerbrechen lediglich zu sagen: „Ich habe eine harte Woche, aber das geht schon vorüber.“ Ich möchte, dass meine Freunde es nicht auf die leichte Schulter nehmen, wenn ich sage wie es ist bei einem TIER 3 Supplier zu arbeiten. Die Wahrheit ist es gibt einen Unterschied zwischen der Arbeit in der freien Wirtschaft und der Arbeit in anderen Bereichen und damit möchte ich nicht irgendeine Arbeit gering schätzen, sondern lediglich betonen, dass es einen Unterschied gibt.

Für mich hat Kathrin Weßling in diesem Buch sehr gut auf den Punkt gebracht, was den Druck ausmacht dem wir uns tagtäglich aussetzen. Zwischen dem Druck jederzeit ersetzt werden zu können,  fehlenden Perspektiven und dem Zwang zu Selbstoptimierung.

Wo das alles hinführt? Ich weiß es nicht.

One thought on “Gelesen | Super, und dir? – Kathrin Weßling

  1. Danke für deine Meinung! Ich habe schon einiges von diesem Buch gehört und werde es sicher auch bald lesen.

    Für den persönlichen Teil: Toi toi toi, ich wünsche Dir alles Gute. Wertschätzung ist etwas sehr wichtiges im Leben, das man auch einfordern darf.

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