Gelesen|Bilder deiner großen Liebe – Wolfgang Herrndorf

Wie dieses Buch zu mir gekommen ist. Eine Empfehlung in einem Livestream – ein Besuch in meiner liebsten Buchhandlung. Nein, eigentlich 3 Besuche in meiner liebsten Buchhandlung, denn ich verschenkte dieses Buch 2 Mal bevor ich es schließlich für mich selbst kaufte. Nach der Lektüre von „Tschick“ konnte ich dann nicht anders und musste direkt „Bilder deiner großen Liebe lesen“ – ich konnte einfach nicht anders.

Worum geht es ?

Ein Mädchen steht im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer und an der Autobahn entlang: «Die Sterne wandern, und ich wandre auch.» Isa heißt sie, und Isa wird den Menschen begegnen – freundlichen wie rätselhaften, schlechten wie traurigen. Einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Abwegen. Und auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, einer davon, der schüchterne Blonde, gefällt ihr.
An dem Roman über die verlorene, verrückte, hinreißende Isa hat Wolfgang Herrndorf bis zuletzt gearbeitet, er hat ihn selbst noch zur Veröffentlichung bestimmt. Eine romantische Wanderschaft durch Tage und Nächte; unvollendet und doch ein unvergessliches Leseerlebnis. «Ich halte das Tagebuch wie einen Kompass vor mich hin. Pappelsamen schneien um mich herum, und der süße Duft der Lichtnelken strömt durch die Nächte. Ich sehe einen Wald, aus dem vier hohe Masten aufragen über die Baumwipfel. Am Waldrand steht eine kleine Hütte, die Teil eines Wanderwegs ist, wie drei eingekastelte Zeichen verraten. Ein schwarzer Gedankenstrich, eine gelbe Schlange, ein rotes Dreieck. Mein Name.»

IMG_3741

Was ich darüber denke ?

Ich hatte mich nach „Tschick“ sehr darauf gefreut die geheimnisvolle und verdrehte Isa besser kennenzulernen. Und das ist genau das, was ich während ich „Bilder deiner großen Liebe“ lese, nicht tue. Klar wir lernen Isa kennen, aber nicht so wie ich es erwartet hatte, sondern auf eine sehr viele intensivere Art und Weise, denn Isa ist unsere unzuverlässige Erzählerin. Ich tauche direkt ohne irgendwelches Vorgeplänkel in die Geschichte ein. Ich sehe die Welt so wie Isa sie sieht und auch nur das was sie mir erzählen möchte. Sie teilt ihr Gedankenwelt mit mir. Oft bin ich verwirrt, doch fast genauso häufig beeindrucken mich die tiefsinnigen Gedanken, die sie fast.

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.

Verrückt – ja das ist Isa wohl und die Reise auf der wir sie begleiten folgt keinem logischen Weg. Die Landschaft verändert sich so rasant wie sie sich auf einer Reise zu Fuß kaum verändern kann und ich verliere das Zeitgefühl während ich mit Isa durch Deutschland laufe fast vollkommen. Einer der wenigen fixen und zuverlässigen Punkte der Geschichte ist die Begegnung mit Maik und Tschick – die beiden kannte ich ja schon aus „Tschick“. Und für mich ist es einer der wenigen fixen Punkte in einer sonst chaotischen und unlogischen Erzählung. Bitte fasst das nicht negativ auf! Ich finde es passt so gut zu der ganze Geschichte und der Art und Weise wie ich Isa wahrnehme. So wie sie sich selbst wahrnimmt. Sie widerspricht sich mehr als einmal selbst und auch das passt für mich gut in das gesamte Konzept des Buches.

Das Buch ist gefüllt mit interessanten Begegnungen und plötzlichen Weisheiten da wo ich sie nicht erwartet hätte und gerade das sind für mich die kleinen Schmuckstücke in dieser umstrukturieren Geschichte, die mich als Strukturliebhaber schon gehörig herausfordert. And er ein oder anderen Stelle erwische ich mich dabei zu denken: „Hätte man das nicht besser strukturieren können? Hilfe! Wo bin ich? Was ist den jetzt schon wieder passiert?“

Nicht wichtig, bis auf die Liebe, und im Grund war auch die Liebe nicht wichtig. Sondern der Weg zu ihr. Das war das größte Glück.

Viele Gedanken kann ich nicht zu Ende denken und so vieles bleibt offen. Und das scheint mir charakteristisch für diese Zeilen, die Wolfgang Herrndorf ich den letzten Monaten und Wochen seines Lebens geschrieben hat. Das Nachwort gibt einen Überblick darüber wie dieser unvollendete Roman zustand kam und welchen Schwierigkeiten sich Autor und Herausgeber stellen mussten. Bis zu letzt war die kein einfaches Projekt und doch bin ich mehr als froh, dass sich Menschen dieser Herausforderung gestellt haben, denn ich möchte diese Zeilen nicht missen.

Mein Fazit.

Ich finde, dass „Bilder deiner großen Liebe“ ein absolutes Must-read ist für jeden der „Tschick“ lieb gewonnen hat. Es ist ganz anders, denn Isa ist ja nicht Maik. Die Geschichte ist chaotisch und unstrukturiert, aber auch das ist Isa. Für mich war das Lesen an vielen Stellen eine Herausforderung, da ich ein Strukturmensch bin, aber das hängt mit mir zusammen und nicht mit dem Buch. Dass der Roman unvollendet ist hätte ich vermutlich nicht gemerkt, wenn ich es nicht gewusst hätte. Ich habe Isa sehr gerne auf ihrer Reise begleite und ihre Worte hallen noch in meinem Kopf nach.

So schön ist alles, wenn es schön ist, aber meistens ist es nur in meinem Kopf.

Alles Liebe

Maren

7 thoughts on “Gelesen|Bilder deiner großen Liebe – Wolfgang Herrndorf

  1. Muss man „Tschick“ denn vorher gelesen haben, um dieses Buch zu verstehen? Bzw. hat man Einblicke in die Charaktere, kennt ihre Vorgeschichte? Wenn ja, muss ich „Tschick“ wohl noch nachholen!

    1. Ich glaube nicht, dass man es zwingend vorher gelesen haben muss. Es dreht sich ja hauptsächlich um Isa. Die anderen Charaktere kommen nur kurz am Rande vor. Die Geschichten sind nicht zwingend miteinander verknüpft, aber „Tschick“ zu lesen lohnt sich so oder so! 🙂

  2. „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Mein liebstes Zitat aus dem Buch.

    Ich mochte die Geschichte auch sehr gerne – auch wenn ich mich darin offenbar weniger mit dem Chaos überfordert gesehen habe, wie du. Ja, der Text war irgendwie sprunghaft, flatterhaft, aber ich hab das nie als Chaos empfunden. Was daran liegen mag, dass meine eigenen Gedanken meist auch so sprunghaft hin- und herhüpfen. Ich bin strukturlose Gedanken offenbar gewohnt. 😀
    Ich habe mich mit Isa genauso wohl gefühlt, wie mit Maik und Tschick und muss sogar sagen, dass das abrupte Ende – wenn auch so nicht vorgesehen – sehr gut zum Sein und Denken von Isa passte.

    1. Oh ja! auch eines meiner liebsten Zitate! <3 Was Chaos angeht bin ich tendenziell wirklich sehr anfällig – so hat jeder von uns seine Macken und Liebenswürdigkeiten 😉 Das Ende hat mich irgendwie voll überrascht und ich saß erstmal total fassungslos da und wusste nicht wohin. Aber ich stimme dir total zu, dass es absolut zu Isa passt!

Kommentar verfassen